„Wasser ist Leben.“ Dieser Satz fällt oft – und er stimmt. Aber er greift zu kurz.
Wer Wasser heute noch ausschließlich als Menschenrecht oder nur im Kontext einer entwicklungspolitischen Agenda begreift, verkennt seine eigentliche, seine strategische Dimension für unsere Volkswirtschaft – und die der meisten Länder der Welt:
Wasser wird im 21. Jahrhundert zu dem, was Energie in den vergangenen hundert Jahren war: Ein entscheidender Faktor für Wettbewerbsfähigkeit, Wachstum und geopolitische Stabilität.
Um als Gesellschaft darauf vorbereitet zu sein, muss sich die Perspektive in Politik und Wirtschaft ändern. Weg von der moralischen Selbstverständlichkeit, hin zu einer neuen ökonomischen Realität: Wasser ist Produktionsfaktor, Standortfaktor – und damit Wirtschaftsfaktor.

Der blinde Fleck der Industriepolitik
In Deutschland beginnt diese Erkenntnis erst langsam zu reifen. Die Diskussion um die Tesla-Ansiedlung in Grünheide hat erstmals breitere Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass Wasserverfügbarkeit industrielle Entscheidungen beeinflussen kann. Ähnliche Fragen stellen sich im Umfeld von Rechenzentren im Rhein-Main-Gebiet oder bei der Ansiedlung wasserintensiver Zukunftsindustrien wie der Halbleiter- oder Batteriezellproduktion.
Noch sind das Einzelfälle. Doch sie markieren einen strukturellen Wandel: Wasser wird vom unsichtbaren Infrastrukturgut, das scheinbar selbstverständlich – allem voran durch die herausragende Arbeit von DVGW und DWA und den vielen Betreiberunternehmen – bei uns in Deutschland aus dem Wasserhahn kommt, zum spürbaren Engpassfaktor.
International ist diese Erkenntnis längst Realität. Ob Batteriezellfertigung in Afrika, KI-Infrastruktur im Nahen Osten oder Wasserstoffproduktion in Lateinamerika – überall entscheidet die langfristige Verfügbarkeit von Wasser darüber, ob wirtschaftliche Ambitionen auf verlässliche Standortbedingungen treffen und damit überhaupt Zukunft haben.
Die Frage ist nicht mehr, ob Wasser relevant ist. Sondern wer seinen Wert früh erkannt – und gelernt hat – strategisch damit umzugehen, so dass stranded Investments bei der Ansiedelung von Industrien – egal ob zur Verarbeitung von Grundstoffen oder Daten oder der Produktion von Konsum- und Investitionsgütern – vermieden werden.
Deutschlands unterschätzter Vorteil
Deutschland verfügt hier über eine Ausgangsposition, die in der politischen Debatte nicht ausreichend gewürdigt wird. Über Jahrzehnte ist ein System entstanden, das weltweit Maßstäbe setzt: Hohe Versorgungssicherheit- und Qualität, zuverlässige Infrastruktur, funktionierende Tarifsysteme sowie eine starke Fachkräfte- und Ingenieurtradition und ganz wesentlich: Einen starken Mittelstand mit Exportaffinität.
„Deutschland kann Wasser“ – dieser Satz ist mehr als eine Feststellung. Er ist ein industrie-politisches Asset. Und er ist ein Angebot an unsere Partner in einer zunehmend vernetzten Welt der Abhängigkeiten und einem gegenseitigen Geben und Nehmen.
Während in anderen deutschen Schlüsselindustrien global Marktanteile verloren gegangen sind, gehören die deutsche Wasserwirtschaft und -forschung weiterhin zur globalen Spitze. Und das in einem Markt, der durch Urbanisierung, Industrialisierung und Klimawandel dynamisch wächst.
Die entscheidende Frage lautet: Wie wird aus unserer technologischen Stärke eine geopolitische und letzten Endes ökonomische Wirkung?
Wasser als außenwirtschaftliches Narrativ
Hier setzt die Forderung nach einem Perspektivwechsel an. Wasser darf nicht länger ausschließlich als Umwelt- oder Entwicklungsthema behandelt werden. Es gehört in den Kern wirtschafts- und außenpolitischer Strategien.
Die Realität in meinen Gesprächen mit internationalen Partnern ist eindeutig: Für viele Staaten ist Wasser eine der zentralen Herausforderungen – eng verknüpft mit Energie, Industrie, Bau und Logistik/Infrastruktur.
Und die Nachfrage nach Lösungen wächst: Technologien, Beratungsdienstleistungen sowie Management- und Betreiberkompetenz. Genau hier liegen die Chancen für Deutschland.
Was bislang fehlt, ist ein konsistentes Narrativ und ein strategischer Rahmen, der diese Angebote bündelt und sichtbar macht. Ein Narrativ, das Wasser nicht allein als Risiko, sondern als Ermöglicher von Wachstum und Wohlstand begreift.
German Water Partnership als strategischer Unterstützer
Um dieses Narrativ international zu verankern, braucht es Akteure, die Wirtschaft, Politik und Technologieanbieter/Wissensträger zusammenführen. Hier kommt einer Plattform wie German Water Partnership (GWP) eine Schlüsselrolle zu.
In der Rolle einer Exportinitiative bündelt GWP die Kompetenzen von Unternehmen, Forschung und Institutionen unter einer gemeinsamen Marke und öffnet Türen in internationale Märkte.
Doch die Rolle kann – und muss – darüber hinausgehen: Durch die Glaubwürdigkeit und Neutralität des Verbandes bietet sich ein Netzwerk von rund 300 Mitgliedern entlang der gesamten Wertschöpfung rund um das Thema Wasser an, zu einem strategischen Plattformakteur werden, der dabei unterstützt, die deutsche Wasserkompetenz systematisch in außenwirtschaftliche Prozesse zu integrieren.
Wie ließe sich das konkret umsetzen?
- Zum einen durch die Einführung von Wasserpartnerschaften als bilaterale G2G- Formate zwischen Deutschland und einem Land oder einer Region mit klaren wirtschaftlichen und technologischen Zielen – unter Einbeziehung von Forschung und beruflicher Bildung.
- Zum anderen durch die Bündelung bestehender Förderinstrumente und Initiativen aller Ministerien der Bundesregierung zu einem kohärenten und strategischen Angebot für Partnerländer als politische Klammer. Im Ergebnis steht das Angebot eines Fahrplans für ein integriertes nachhaltiges Wassermanagement.
Derzeit betätigen sich das Auswärtige Amt mit Wasserdiplomatie, das Wirtschaftsministerium mit Außenwirtschaftsförderung, das Entwicklungshilfeministerium mit wirtschaftlicher Zusammenarbeit, das Umweltministerium mit Pilotprojekten und das Forschungsministerium mit Forschungsprogrammen – alle im Bereich Wasser – im Ausland.
Hier gilt es Synergien zu heben und ein ganzheitliches Angebot zu formulieren.
Europas Resilienzfrage

Wir beobachten, dass auf europäischer Ebene die Bedeutung von Wasser neu bewertet wird. Die Wasserresilienzstrategie der EU ist ein wichtiger Schritt. Gleichzeitig entstehen enorme Investitionsbedarfe – etwa durch die Modernisierung von mehr als siebzigtausend Kläranlagen.
An der Frage der Umsetzung entscheidet sich nicht nur Umweltpolitik, sondern auch die industrielle Zukunft unserer engsten Freunde, Partner und Nachbarn: Wer liefert die Technologien? Wer setzt Standards? Wer kontrolliert in Zukunft kritische Infrastruktur?
Gerade vor dem Hintergrund globaler Wettbewerbsdynamiken – insbesondere aus Asien – wird Wasser zunehmend zu einer Frage technologischer und damit auch staatlicher Souveränität.
Deutschlands Wissensbasis
Gleichzeitig zeichnet sich eine strukturelle Schwäche ab: Zentrale Lehrstühle, etwa in der Siedlungswasserwirtschaft, werden nicht nachbesetzt, Forschungsschwerpunkte – privat wie öffentlich – verlagern sich zunehmend ins Ausland.
Zur Wahrheit gehört: Einmal verlorenes Wissen lässt sich nur schwer zurückzuholen. Wer Wasser strategisch weiterdenkt – auch über das 21. Jahrhundert hinaus – muss sich fragen: Wird dieses Wissen auch künftig noch „made in Germany” oder zumindest „made with Germany” sein?
Vom Gemeingut zur Wettbewerbsfrage
Die Richtung ist klar: Wasser bleibt Menschenrecht. Aber es ist zugleich ein wirtschaftlicher Hebel. Für aufstrebende Volkswirtschaften entscheidet Wasser über Digitalisierung und Industrialisierung. Für entwickelte Volkswirtschaften entscheidet es über Wettbewerbsfähigkeit. Und für Deutschland bietet sich die Chance, beides zu verbinden: Verantwortung und ökonomische Stärke – mit dem Anspruch auf Ownership und Leadership.
Die Voraussetzung sind ein Perspektivwechsel mit hoffentlich Erkenntnisgewinn – in Politik und Wirtschaft für unsere Gesellschaft.
