„Die Vorstandskolumne“ ist eine Rubrik, in der Sie aus der Perspektive eines GWP-Vorstandsmitglieds über relevante Themen aus dem Wassersektor informiert werden. Die aktuelle Ausgabe kommt von Dr. Michael Beckereit.

In meiner Kolumne möchte ich Ihnen Einblicke in unser laufendes Großprojekt in Kairo, Ägypten geben, welches nicht nur für DWI Deutsche Wasser International von großer Bedeutung ist, sondern auch für die Mitglieder von German Water Partnership e.V. (GWP) in Zukunft Möglichkeiten für Geschäft in Ägypten bieten kann.
Für die Zukunft geplant: Die Entstehung einer neuen Stadt
Die New Administrative Capital (NAC) in Kairo ist ein groß angelegtes städtebauliches Projekt, das darauf abzielt, eine neue Verwaltungshauptstadt für Ägypten zu schaffen. Diese neue Stadt wird parallel zu Kairo entwickelt und soll der Überlastung der bestehenden Hauptstadt entgegenwirken, die unter starkem Bevölkerungswachstum, Verkehrsproblemen und begrenzter städtischer Infrastruktur leidet. Das Projekt wurde offiziell im Jahr 2015 angekündigt und der Bau begann im Jahr 2016. Die Entwicklung der NAC ist ein bedeutendes Vorhaben für Ägypten mit dem Ziel, eine moderne und effiziente Verwaltungshauptstadt zu schaffen, die den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht wird. Bei der Planung der NAC wird auch auf Umweltaspekte und Nachhaltigkeit geachtet. Es werden etwa Grünflächen und Parks in das Stadtbild integriert und Wert auf den Einsatz umweltfreundlicher Technologien gelegt.
Die neue Stadt ist so gestaltet, dass sie eine große Anzahl von Einwohnern fassen kann. In der ersten Phase ist geplant, Platz für etwa 2,5 Millionen Menschen zu schaffen, mit der Möglichkeit der weiteren Expansion. Das Projekt ist bereits weit fortgeschritten. Die Verlegung von 35 ägyptischen Ministerien mit rund 50.000 Mitarbeitern von Alt-Kairo in die NAC markiert einen bedeutenden Schritt in Richtung Realisierung dieses visionären Vorhabens.
Wir als DWI Deutsche Wasser International konzentrieren uns auf die umfassende Wasserversorgung, Bewässerung und Abwasserentsorgung in der aufstrebenden NAC. Unser Ziel ist es, mit der staatlichen Errichtungsgesellschaft ACUD eine gemeinsame Betriebsgesellschaft für die weitgehend fertiggestellte Wasserinfrastruktur in der neuen Stadt zu gründen und mit dieser die Verantwortung für den gesamten Betrieb zu übernehmen.
Zwischen Sprachbarrieren und Verhandlungsakrobatik
Doch, wie es in großen Projekten oft der Fall ist, stoßen wir auf Herausforderungen. Unsere Verhandlungen mit der ACUD sind formal abgeschlossen, doch die Unterzeichnung der Verträge gestaltet sich komplexer als erwartet. Die zweisprachigen Verträge (Arabisch und Englisch) erfordern höchste Präzision, und hierbei hat uns eine renommierte Kanzlei mit Expertise im Arabischen Wirtschaftsrecht maßgeblich unterstützt. Überraschenderweise stellte der ACUD-Chairman im August fest, dass der arabische Text mangelhaft sei, was zu einer umfassenden Neuübersetzung führte. Dies verzögerte unseren ursprünglich geplanten Unterschriftstermin mit Premierminister Madbouli Ende Oktober.
Die sprachlichen Feinheiten und der immens große Wortschatz des Arabischen stellten unerwartete Hürden dar, die wir nun überwunden haben. Aktuell bemühen wir uns um einen neuen Unterschriftstermin, der die Teilnahme des Premierministers einschließt.
Wasser, Politik und Inflation: Die aktuellen Rahmenbedingungen in Ägypten
Abseits unseres Projekts verfolge ich aufmerksam die Entwicklungen in Ägypten. Die politische Landschaft, die bevorstehende Wahl und die sozialen Herausforderungen, insbesondere die hohe Inflation, prägen das Bild. Diese Faktoren könnten auch Auswirkungen auf unsere Vereinbarungen haben.
Von Visionen zu Chancen: Engagement für eine nachhaltige Wasserzukunft
Trotz dessen bleibt unser Optimismus ungebrochen. Es ist eine große Chance, an einem so bedeutenden Projekt teilzunehmen, das nicht nur die Zukunft der Wasserinfrastruktur in Kairo gestaltet, sondern auch die Interessen unserer Mitglieder bei German Water Partnership widerspiegelt. Großprojekte dieser Art mit deutschen Partnern sind nicht nur aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten interessant, sondern können Brückenbauer und Wegbereiter für die Ziele der internationalen Zusammenarbeit zu sein. Die Wasserversorgung ist nicht nur ein technisches Unterfangen, sondern ein gemeinsames Ziel, dem wir uns in Form des SDG6 verpflichtet fühlen.
Ich werde Sie weiterhin auf dem Laufenden halten, denn der Erfolg dieses Projekts wird nicht nur unser Netzwerk stärken, sondern auch die Möglichkeiten für GWP-Mitglieder erweitern.
Interessierte an Ägypten und der MENA-Region möchte ich gerne noch auf die nächste Sitzung des Regionalforums Nordafrika am 06. Februar 2024 in Geretsried hinweisen. Weitere Informationen sowie die Anmeldung finden Sie hier.
Die unten stehenden Bilder geben einen Eindruck vom derzeitigen Stadtbild der NAC Cairo. Große Straßenzüge, repräsentative Gebäude für Ministerien, Banken etc, aber auch Hotels und Bürogebäude mit immer mehr Publikumsverkehr bestimmen das Bild. Und wasserwirtschaftlich natürlich interessant, das viele, künstlich zu bewässernde Grün, das schon heute mehr als 150.000 Kubikmeter Wasser pro Tag verbraucht. Fotos (c) Dr. Michael Beckereit



