„Die Vorstandskolumne“ beleuchtet aktuelle Entwicklungen im Wassersektor aus Sicht eines GWP-Vorstandsmitglieds. Die 52. Ausgabe verantwortet Michael Drechsler.

Ich bin überzeugter Europäer. Vielleicht auch, weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Tatsächlich denke ich aber, dass es die vielen Freiheiten sind, die Europa interessant und lebenswert machen, besonders innerhalb der Europäischen Union. Freier Handel, freies Reisen, oft eine gemeinsame Währung. Rechtsstaatlichkeit, Umweltschutz und soziale Standards sind hier keine bloßen Schlagworte, sondern der Rahmen, in dem wir sicher leben und arbeiten können. Und dass wir uns heute damit beschäftigen, wie wir gemeinsam Wasserressourcen schützen, anstatt uns um Grenzen zu streiten, ist einer der größten Fortschritte unserer Geschichte.
Gleichzeitig rückt Wasser zunehmend in den Fokus des strategischen Interesses. Während die EU-Wasserresilienzstrategie das „Wassernutzungseffizienz-zuerst-Prinzip“ ausruft, wird deutlich: Wasser ist längst nicht mehr nur ein ökologisches Gut, sondern ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für den Industriestandort Europa. Die Sicherung der Wasserversorgung bedeutet heute auch die Sicherung von Produktionskapazitäten und gesellschaftlicher Stabilität.
Potenziale vor der Haustür: Das Regionalforum Europa
Für unseren Verein German Water Partnership (GWP) markiert das Anfang 2025 neu gegründete Regionalforum Europa eine wichtige strategische Neuausrichtung. Unter der Leitung von Edwin Locker (Herco Wassertechnik GmbH) und Jacqueline Heinrich (Tholander Ablufttechnik GmbH) verfolgt das Forum das Ziel, die gewaltigen Marktpotenziale direkt vor unserer Haustür gezielter zu erschließen.
Im Mittelpunkt stehen dabei europäische Nachbarländer, die vor vergleichbaren Herausforderungen stehen: alternde Infrastrukturen, zunehmender Wasserstress und die Notwendigkeit zur Digitalisierung. Hier gilt es, deutsche Ingenieurskunst und innovative Wassertechnologien stärker einzubringen. Es geht nicht nur um den Export einzelner Komponenten, sondern um langfristige Partnerschaften und den Transfer von Prozess-know-how.
Die wirtschaftliche Lage in Europa ist derzeit von Volatilität geprägt. Gleichzeitig entstehen genau daraus Chancen für unsere Mitglieder. Investitionen in Wasserinfrastruktur gelten zunehmend als „Green Assets“, die nicht nur ökologischen Mehrwert bieten, sondern die industrielle Basis gegen Klimarisiken absichern. Das Regionalforum fungiert hier als Katalysator, um mittelständische deutsche Unternehmen in komplexe europäische Ausschreibungsverfahren zu begleiten und Synergien innerhalb der EU-Binnengrenzen zu nutzen.
Fokusmärkte: Von der Themse bis nach Lappland

Drei Länder stehen aktuell besonders im Fokus:
Großbritannien: Der enorme Investitionsstau in den britischen Wassernetzen bietet große Chancen für deutsche Anbieter von Zustandsbewertung und grabenloser Netzsanierung. Hier ist Präzisionsarbeit zur Instandsetzung kritischer Versorgungslinien gefragt.
Eine Möglichkeit, diesen Markt etwas zu erkunden, bietet sich im Herbst dieses Jahres mit dem IWA World Water Congress & Exhibition, der vom 4. bis 8. Oktober in Glasgow stattfindet. Gemeinsam mit den deutschen Wasserverbänden BDEW, DVGW und DWA organisiert GWP aktuell ein Begleitprogramm exklusiv für deutsche Teilnehmende. Merken Sie sich gern schon einmal den Termin vor – weitere Informationen folgen in Kürze über die gewohnten Kanäle.
Frankreich: Strengere Umweltauflagen und die Notwendigkeit zur Wasserwiederverwendung (Water Reuse) treiben die Nachfrage nach hocheffizienten Kläranlagen und Kreislaufsystemen an – ein Feld, auf dem deutsche Technik international Maßstäbe setzt.
Schweden: Das skandinavische Land investiert massiv in die Digitalisierung seiner Wasserwirtschaft, was perfekt mit dem deutschen Know-how im Bereich „Smart Water“ und intelligenter Sensorik korrespondiert.
Erst letzte Woche haben zwölf deutsche Unternehmen an einer Geschäftsanbahnungsreise nach Schweden teilgenommen, darunter die GWP-Mitglieder ARIS GmbH, Dehoust GmbH, FlowChief GmbH, GO Systemelektronik GmbH, Herco Wassertechnik GmbH, JUMO GmbH & Co. KG, Roediger Vacuum GmbH, Tholander Ablufttechnik GmbH und Weber Entec GmbH & Co. KG. Stationen in Stockholm, Malmö, Lund und Helsingborg boten den Teilnehmenden Einblicke in den schwedischen Wassermarkt und ermöglichten den Austausch mit lokalen Akteurinnen und Akteuren. Organisiert wurde die Reise von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie, mit GWP als Kooperationspartner.
Neben diesen Fokusmärkten gewinnt auch die industrielle Abwasserreinigung weiter an Bedeutung. In einer europäischen Kreislaufwirtschaft wird die Rückgewinnung von Ressourcen aus Abwasser – etwa durch Phosphor-Recycling – zu einem zentralen Baustein, der durch das GWP-Netzwerk vorangetrieben wird. Das Regionalforum versteht sich hier als Brückenbauer zwischen technologischer Exzellenz und regulatorischen Anforderungen der verschiedenen Märkte. Ziel ist es, europäische Initiativen wie den Green Deal in konkrete Projekte für den deutschen Mittelstand zu übersetzen und dabei die Wettbewerbsvorteile durch hocheffiziente Membrantechnologien und KI-gestützte Prozessoptimierung auszuspielen.
Ausblick: Die Zukunft fließt blau
Die wirtschaftliche Lage mag herausfordernd sein, doch die Wasserwirtschaft zeigt sich als resilienter Anker. Durch den engen Austausch mit lokalen Akteuren und die Bündelung der Kompetenzen im Netzwerk trägt GWP dazu bei, dass „Made in Germany“ auch in der europäischen Wasserwirtschaft ein Synonym für Zukunftssicherheit bleibt. Kooperation über Grenzen hinweg ist dabei kein Selbstzweck, sondern eine notwendige Antwort auf globale Herausforderungen.
Ich lade Sie herzlich zur nächsten Sitzung des Regionalforums Europa am 23. Juni 2026 ein, die erstmals gemeinsam mit dem GWP-Arbeitskreis Betrieb und Bildung stattfinden wird. Ziel ist es, Synergien zu bündeln und gemeinsam – über Gremiengrenzen hinweg – Impulse für Europas Wasserzukunft zu setzen.
Übrigens: Meine nächste Reise führt mich beruflich nach Norditalien in die Lombardei – eine Region, in der Wasser gleich doppelt strategisch wirkt: als Lebensader der Bewässerungslandwirtschaft in der Po-Ebene und als Energiespeicher in den alpinen Wassersystemen. Vielleicht zeigt sich gerade hier im Kleinen, was Europa im Großen ausmacht: Wasser verbindet Landschaften, Volkswirtschaften – und letztlich auch uns.
M. D.
